Anfänge des Digitalen
Anmerkungen nach 10 Jahren EDV-Betreuung
Karl H. Schneider
Der Anfang
Nein, Ende des letzten Jahrtausends begann nicht das Zeitalter der EDV am Historischen Seminar, wohl aber meine Beschäftigung mit dem Thema. Zuvor hatte ein hauptamtlicher Kollege die EDV betreut. Er ging, weil er nach Ende seines Vertrags gehen musste. Er ging ein wenig im Zorn, weil seine Ideen zum Einsatz der EDV nur eine begrenzte Resonanz gefunden hatten. Dabei hatte er viel verändert. Die Website sah ziemlich stylisch aus, die Inhalte beschränkten sich schon damals nicht allein auf die Nennung von Adressen oder Terminen, sondern es gab sogar eine gute Berichterstattung zur Wehrmachtsausstellung, die seiner Zeit in Hannover zu sehen war.1
1999 war nicht irgendein Jahr, sondern das Jahr 2000 stand vor der Tür und das löste bei vielen in der EDV nicht geringe Unruhe aus – heute längst vergessen. Im Oktober übernahm ich den Job, hatte aber sofort in Christoph Franke, damals Doktorand bei uns und erfahrener Netzwerk-Administrator, einen kompetenten Unterstützer. Der gab bald die Losung aus, dass wir nicht nur die Rechner Jahr 2000 fest machen sollten, sondern auch ein Netzwerk einrichten, was bis dahin nicht geschehen war. Und so kam es zu jenem denkwürdigen Wochenende Ende Oktober am Historischen Seminar. Eine »Viererbande« zog durch alle Zimmer, ging an alle Rechner, checkte sie und richtete die Netzwerkdaten ein. Die Viererbande bestand aus Christoph Franke, unserem Anführer, Katharina Colberg, Markus Weißhaupt und mir. Wenn ich mich richtig erinnere, begannen wir am Freitag, arbeiteten die Nacht weitgehend durch und waren am späten Samstag fertig. Am Ende schrieben wir für alle Lehrenden einen Infozettel, in dem die Nutzung des Netzwerkes unserer Ansicht nach ausreichend erklärt war. Na ja, die meisten Kollegen verstanden nur »Bahnhof« und benötigten intensive individuelle Nachhilfe. Manche haben es danach verstanden, so halbwegs. Dass der Faktor »Mensch« bzw. der Anwender das schwächste Glied in der EDV ist, habe ich damals angefangen zu lernen. Ich setzte noch auf schnelle Lernerfolge, allerdings dauerte es mit dem Lernen doch etwas länger ...
Eine kleine Geschichte vergesse ich nicht: Das CD-Laufwerk eines Rechners bekamen wir nicht auf, erst nach einer intensiven Bearbeitung konnten wir es Stück für Stück aufschieben: Es war so verdreckt mit Staub, dass es praktisch nicht verwendbar war. Daran kann man übrigens sehen, dass die Rechner durchaus schon relativ »modern« waren, denn CD-Laufwerke hatten alle und die Monitore hatten schon deutlich höhere Auflösungen als VGA, waren aber meist noch 15 Zoll Röhrengeräte.
Das Jahr 2000 brachte übrigens keine Überraschungen, weder bei uns noch sonst gab es echte Computerpannen, die sollten erst dem Jahr 2010 vorbehalten bleiben, aber das ahnten wir damals noch nicht.
Nun hatten wir also ein Netzwerk, und da ich gern etwas Neues probiere, bemühte ich mich sofort, dieses für die interne Kommunikation zu nutzen. Vergeblich, auch wenn ich es mehrere Jahre testete; die Nutzung seitens der Kolleginnen und Kollegen war gleich Null.
So nebenbei und ohne dass es beabsichtigt war, hatten wir damals ein eigenständiges Konzept der EDV-Nutzung eingeführt. In dem damaligen Fachbereich GPS (Geschichte, Philosophie, Sozialwissenschaften), speziell am Schneiderberg, hatten die Kollegen nicht nur ein Netzwerk eingerichtet, sondern setzten komplett auf ein Server-basiertes System, bei dem die Arbeitsplatzrechner reine Clients waren. Das war theoretisch weitaus besser, Anfang des Jahrtausends zeigte sich aber, dass dieses Netzwerk immer fehleranfälliger wurde bis hin zum faktischen Totalausfall. Um 2001 wurde unser Historiker-System dann in den Schneiderberg übertragen.
Unser Einsatz für die EDV- und Mediennutzung im Fachbereich erweiterte auch unsere übrigen Möglichkeiten, so dass wir etwa 2002 den ersten portablen Beamer einsetzen konnten. Damals war noch die Maxime, dass für den Beamer Einsatz speziell ausgestattete Räume genutzt werden sollten, für die sich die Lehrenden jeweils anmelden mussten. Unsere Idee war dagegen, dass in jedem Seminarraum ein Beamer verwendet werden kann, zunächst durch den Einsatz mobiler Geräte, an fest stationierte mochte damals kaum jemand denken. Ein leistungsfähiges Notebook bestand damals aus einem Rechner mit 650 Mhz Prozessor (immerhin), 64 bzw. 128 MB Ram und einer 6 GB-Platte sowie Windows 98 SE. Um 2000 waren die Preise für ein Notebook immer noch recht hoch. Das genannte Modell, mein Acer, kostete damals rund 4000 DM, ein Sony Rechner der Oberklasse, obwohl nur unwesentlich leistungsfähiger, lag bei 6000 DM. Als Software wurde Windows 98 eingesetzt, nur selten NT, Word als Textverarbeitung, dazu unterschiedliche Mailclients (wie Netscape), kaum mehr. Nur wenige benutzten eine andere Textverarbeitung, WordPerfect war nur am Schneiderberg vertreten, ich selbst setzte StarOffice (den Vorgänger von OpenOffice) in den Versionen 5.0-5.2 (erst 5.2 war wirklich stabil) und WordPro ein.
Zeitweise hatten wir überlegt, Linux einzuführen, aber die Reaktionen der Kollegen (Standardfrage: „Kann ich dann Word auch weiter benutzen?“) hielten uns dann immer wieder davon ab. Immerhin wurde im hart erkämpften kleinen Rechnerraum im Historischen Seminar doch Linux eingeführt – und niemand hat sich beschwert.
Die interne Kommunikation, etwa Einladungen für Sitzungen, erfolgte zunächst noch analog, erst nach ein, zwei Jahren setzten sich die Mail-Einladungen durch, wobei zwei Kollegen sich bis zum Ende ihrer Dienstzeit weigerten, überhaupt einen Rechner anzuschaffen.
Nach einer anderen Veranstaltung, »Internet für Historiker«, schickte ich eine Mail an die Teilnehmer, dass wir eine Hilfskraft suchen würden. Einer meldete sich, Kim Günther. Er betreut seitdem zusammen mit weiteren Hilfskräften die EDV am Historischen Seminar.
In den ersten Jahren meiner Arbeit als EDV-Beauftragter übernahm ich alle Arbeiten an den Arbeitsplatzrechnern, alle komplizierten Arbeiten blieben Christoph Franke vorbehalten. Das ging so weit, dass ich selbst die Rechner mit dem Auto holte, damals noch von der Firma Brinkmann in der Innenstadt. Dass es ein solches Fachgeschäft nicht mehr gibt, ist auch ein Ergebnis dieser schnellen Entwicklung der letzten Jahre. Und wer erinnert sich noch an VOBIS und an die langen Schlangen vor den Kassen in den 1980er und frühen 1990er Jahren? Inzwischen läuft alles viel professioneller ab, wir haben eine gut funktionierende EDV-Versorgung.
Und die Lehre?
Am Anfang war wenig Lehre, es gab keine Lehrperson, die sich für die EDV in der Lehre interessierte, also blieb der Autor dieser Zeilen derjenige, der zumindest in geringem Umfang die EDV für Studierende aufbereitete. Wir fingen damals schlicht an. Es galt Fragen zu klären wie: Wie richte ich ein Mailkonto ein, aber auch, wie organisiere ich eine erfolgreiche Websuche (noch vor den Zeiten von Google). Das wurde meist im CIP-Pool am Schneiderberg geübt, überwiegend am Wochenende. Es war noch die Zeit, in der nur wenige über einen eigenen tragbaren Rechner verfügten. Wir haben es erst nach und nach geschafft, zunächst einen einzelnen, eigenen Beamer vom Medienzentrum zu erhalten, ehe wir dann weitere portable Beamer, schließlich sogar stationäre erhielten – übrigens bis auf den ersten Beamer alle über normale Haushaltsmittel angeschafft! So konnte die EDV-Nutzung schrittweise in den Seminaralltag integriert werden, wozu auch gehörte, dass zunächst alle Seminarräume netzwerkmäßig verkabelt wurden. Erst danach erhielten wir alle WLAN, so dass dann die Rechner überall online gehen konnten, ein für uns Mitte der 90er Jahre unvorstellbares Erlebnis.
Ein weiteres wichtiges Thema der frühen Seminare war die Beschäftigung mit Historikerportalen, wie die Erlanger Historikerseiten von Stewart Jenks oder der Virtual Library Geschichte. Die meisten dieser Portale bestanden aus Linklisten und wenig wissenschaftlichem Content, wenngleich die Informationen alle seriös waren. Es gab aber schon ziemlich gute Ansätze, die Multimedialität des Web zu nutzen. Unter diesen stachen Artur E. Imhofs Projekte zur Multimedialität von Geschichte heraus. Sie waren hinsichtlich ihrer grafischen Gestaltung, sagen wir mal, „mutig“, hinsichtlich ihrer inhaltlichen Ausnutzung des Web so innovativ, dass bis heute viele dieser Ansätze, die Multimedialität ernst zu nehmen, nicht oder nur unzureichend weiter verfolgt wurden. Die Seiten finden sich übrigens unter: userpage.fu-berlin.de/aeimhof/ .
Dass es einmal viele hochwertige Websites und Portale für Historikerinnen und Historiker geben würde, war damals praktisch undenkbar. Zwar gab es die ersten Bibliothekskataloge online, und auch noch mit einer benutzbaren Oberfläche (was nur 10 Jahre zuvor noch ganz anders war), aber von OpenAccess oder JSTOR war noch nicht die Rede. Die Wikipedia wurde übrigens erst 2001 online gestellt, sie hatte ihren Siegeszug noch vor sich.
Ein weiterer Aspekt der Arbeit mit der EDV war die sinnvolle Nutzung einer Textverarbeitung, vor allem die Verwendung von Formatvorlagen, woran sich bis heute nichts geändert hat (jetzt werden die einen sich freuen, während andere aufstöhnen dürften). Die Notwendigkeit dieser Fortbildungen, erweitert um Literaturverwaltungsnutzung, besteht bis heute.
Die Website
Die Website des Historischen Seminars hatten wir von meinem Vorgänger übernommen. Ende 1999 machten wir uns schon Gedanken über eine neue Internetpräsentation. Für die Zukunft kam uns ein Zufall zu Hilfe. 1999 führten Carl Hans Hauptmeyer und ich ein Seminar im Vorfeld der Expo 2000 durch. Wir wollten eine Seite entwickeln, die amerikanischen Familienforschern die Möglichkeit bot, den Weg ihrer Vorfahren in die USA ebenso zu verfolgen, wie deren Lebensverhältnisse in Deutschland vor der Auswanderung. Die Seite »Zwei Länder – eine Herkunft« basiert nicht nur auf der Arbeit der Studierenden dieses Seminars, sondern sie wurde auch von einem der Teilnehmer entwickelt, Adam Czuppon. Er legte einen derart überzeugenden Entwurf vor, dass wir ihn danach dafür einstellten, unsere Website zu entwickeln. Das macht er bis heute, schnell, gut und kreativ.
Ein wichtiges, schon in den 1990er Jahren entwickeltes Element waren zusätzliche, auf der Website präsentierte Projekte, etwa zur Wehrmachtsausstellung, später dann die erwähnte Seite zu »Zwei Länder – eine Herkunft«. Dennoch blieb es bei einer eher traditionellen Website, die vorrangig Informationen über das Seminar bereit hielt. Lediglich meine Seite wich dank der Innovationsfreundlichkeit von Claus Franke immer etwas von den anderen ab und enthielt schon um 2000 relativ viel Content, der später in die LWG übernommen wurde. Wer übrigens auf der Wayback-Maschine von www.archive.org nachsehen will, sollte nicht unter hist.uni-hannover.de suchen, sondern unter www.geschichte.uni-hannover.de.
2002 bot sich die Chance, im Rahmen des niedersächsischen N-21-Projekts für den Geschichtsatlas eine »Lernwerkstatt Geschichte« speziell für die Bedürfnisse von Schülern zu entwickeln. Relativ früh war aber klar, dass die Seite auch für Studierende zumindest im Grundstudium interessant werden könnte. Allerdings entwickelte sich die Lernwerkstatt so schnell, dass eine statische Seite an ihre Grenzen stieß. Deshalb experimentierten wir mit unterschiedlichen Varianten. Den Durchbruch brachte dann die Mediawiki, die uns Adam Czuppon gewohnt schnell und professionell einrichtete. Seitdem sind neue Zeiten angebrochen. Die neue Lernwerkstatt bietet uns eine technische Grundlage, die vielleicht nicht so schick ist, aber bis dahin ungeahnte Perspektiven aufweist. Hinzu kam, dass seit 2007 mit Ralf Raths ein weiterer Mitarbeiter bereitstand, die LWG weiter zu entwickeln. Sie weist zwar nur relativ geringe Zugriffszahlen auf (für die Hauptseite sind es Anfang 2010 etwas über 60.000; für die Themenseiten zwischen 3.000 und fast 20.000), aber sie dürfte ihre große Zeit noch vor sich haben und eigentlich sind dies schon erstaunliche Werte.
Die Akteure
Das Besondere für mich in diesen Jahren war die Zusammenarbeit mit vielen interessanten Studierenden und Mitarbeitern. Sie waren und sind es, die unser EDV-Angebot entwickelt und ausgebaut haben. Angefangen hat es mit Christoph Franke, der als Admin die notwendige Fachkenntnis einbrachte und uns Neulinge schnell auf den richtigen Weg führte. Das waren damals, Ende 1999, Katharina Colberg, Markus Weißhaupt und ich. Bald darauf kam Adam Czuppon dazu, der mich immer wieder durch seine ruhige Art und sein schnelles, kreatives Arbeiten überraschte. Er stellte – so nebenher eigentlich – unsere Website von einer statischen auf eine CMS-Seite um (er nutzt Joomla), ihm verdanken wir auch die Idee (und Realisierung) der Mediawiki für die Lernwerkstatt.
Ab 2001 arbeitet Kim Günther für die EDV-Abteilung. Die Anfänge waren abenteuerlich. Die ersten Rechner haben wir noch gemeinsam vom Händler abgeholt und aufgebaut, ehe das alles professioneller und systematischer erfolgte. Dank Kim Günther und seinen Kollegen wie Jörg Schendel oder Stefan Mazur haben wir bis heute eine EDV-Versorgung, um die uns zeitweise im alten Fachbereich manche beneidet haben und die bis heute vorbildlich ist.
Schließlich arbeitete lange Jahre Claus Franke für mich als Hilfskraft. Ihm verdanken wir viele Anregungen und ich besonders eine spezielle eigene Website. Die »DigiReg« war eine Idee von ihm; sie sollte ein Portal zur Digitalen Regionalgeschichte sein, war also ein wenig der Vorläufer der LWG, so wurde sie immerhin namensgebend für meinen kleinen Blog zur Regionalgeschichte.
Und nun?
Die EDV-Welt in der Leibniz Universität ist in starker Bewegung. Ob das Konzept der Historiker, eine eigenständige, allerdings mit der Fakultät und dem Regionalen Rechenzentrum vernetzte EDV-Versorgung sicher zu stellen, eine Zukunft hat, bleibt offen. Aber wir werden sicher viele der gelungenen Ansätze weiter verfolgen. Auf jeden Fall waren es spannende, ereignisreiche Jahre.
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1Die Wayback-Maschine bietet einen ersten Eindruck der alten Websites (http://web.archive.org/web/*/http://geschichte.uni-hannover.de). Allerdings war die Seite 1999 noch im modischen Weiß-Schwarz, was die Darstellung erschwert, da auf der Wayback-Maschine die Hintergrundfarben fehlen.


